Manchmal braucht es ein bisserl Abstand, um das große Ganze zu sehen. Wenn du in der vintagerie vor einer Vase von Flavio Poli stehst und das Licht genau richtig reinfällt, verstehst du sofort, warum Murano-Glas eben nicht gleich Murano-Glas ist. Poli hat das Licht nicht bloß eingefangen – er hat es geschichtet.
Wer sich für Mid-Century-Design aus Italien interessiert, kommt an seinem Namen eh nicht vorbei. Aber was macht seine Entwürfe eigentlich zu echten Sammlerstücken, die man sich ohne langes Nachdenken sofort in die Wohnung stellen will?
Der Meister von Seguso
Wenn wir über Flavio Poli reden, reden wir über einen der ganz Großen des italienischen Glasdesigns. Flavio Poli wurde im Jahr 1900 in Chioggia bei Venedig geboren und verstarb 1984 ebenfalls in Venedig. Er war kein klassischer Glasbläser, der selbst am Ofen stand, sondern ein Visionär mit einem extremen Gespür für Form und Farbe. Ab den 1930er-Jahren prägte er als künstlerischer Leiter die Manufaktur Seguso Vetri d’Arte auf Murano.
Er hat das traditionelle, oft kitschige Barock-Glas der Insel quasi im Alleingang entstaubt. Statt Schnörkeln brachte Poli klare, skulpturale Formen, die perfekt zum Lebensgefühl der Mid-Century-Epoche passten. Seine Entwürfe wanderten nicht umsonst direkt in die großen Museen der Welt, vom MoMA in New York bis hin zu uns nach Wien.
Das Geheimnis der Sommerso-Technik
Wenn du eine echte Poli-Mezzie ergattern willst, musst du das Wort Sommerso () kennen, italienisch für „eingetaucht“. Das ist nämlich Polis absolute Signatur-Technik.
Das Prinzip klingt simpel, erfordert in der heißen Manufaktur aber handwerkliche Perfektion:
- Ein farbiger Glaskern wird in eine oder mehrere Schichten andersfarbigen Glases eingetaucht.
- Die Schichten verbinden sich, vermischen sich aber nicht.
- Es entsteht eine dicke, schwere Glaswand, die die Farben im Inneren wie mitten in der Bewegung eingefroren erscheinen lässt.
Das Ergebnis? Eine optische Illusion. Blickt man von der Seite auf das Stück, offenbart sich die ganze Tiefe des Designs: Eine tiefblaue oder bernsteinfarbene Form ruht völlig isoliert und makellos im klaren Glas. Licht Schicht für Schicht eben. oli hat mit dieser Technik im Jahr 1954 sogar den allerersten Compasso d’Oro gewonnen – das ist der renommierteste Designpreis Italiens und quasi der Oscar für außergewöhnliche Entwürfe.
Original oder Kopie?
Weil der Sommerso-Stil damals wie heute extrem begehrt war, gibt es natürlich unzählige Kopien und Nachahmungen auf dem Markt.
Wie unterscheidet man also ein echtes Seguso-Meisterwerk von billiger Massenware?
Der Boden: Der Abriss am Boden (wo das Glas vom Pfeifenrohr getrennt wurde) ist bei Poli-Stücken perfekt plangeschliffen und poliert.
Das Gewicht: Eine echte Poli-Vase ist überraschend schwer. Das dicke Glas hat Substanz.
Die Kanten: Die Formen sind elegant geschliffen, oft asymmetrisch, aber niemals unsauber verarbeitet.
Poli-Originale in die Hand nehmen und lernen
Am besten lernt man Designgeschichte aber immer noch, indem man sie angreift und auf sich wirken lässt. Schau also am besten einfach bei uns in der Nelkengasse 4 im 6. Wiener Bezirk vorbei. Such dir eines unserer Poli-Stücke aus dem Regal aus, halt es ins Licht und mach den Vintagerie-Check: Merkst du, wie massiv und schwer echtes Murano-Glas in der Hand liegt?Und wenn du den perfekt plangeschliffenen Boden ohne unsauberen Abriss begutachtest, siehst du erst so richtig, wie die einzelnen Farbschichten im Glas miteinander spielen.
