Kalmar und die Radikalität des Weglassens

Einer der größten Erfolge der Wiener Designgeschichte begann damit, dass man das Ornament einfach strich. In den 1920er-Jahren, als das bürgerliche Wien noch in opulentem Dekor versank, schlugen Julius Theodor Kalmar, Josef Frank und Oskar Wlach eine völlig neue Richtung ein. Für ihre Gemeinschaftsprojekte und die legendäre Einrichtungsfirma Haus & Garten entwarfen sie Leuchten, die so radikal schlicht waren, dass sie im Vergleich zum damaligen Zeitgeist fast unsichtbar wirkten. Kalmar fertigte keine Prunkstücke, sondern funktionale Objekte, die das Licht in den Vordergrund stellten. Dass gerade diese Wiener Zurückhaltung Jahrzehnte später dazu führen würde, dass Kalmar die prestigeträchtigsten Adressen von New York bis Abu Dhabi ausleuchtet, ist die eigentliche Sensation.

Frank und das Ende der dunklen Zimmer

Dahinter steckte eine Philosophie: Design sollte den Menschen nicht bevormunden. In der engen Zusammenarbeit zwischen Kalmar und Josef Frank entstanden Entwürfe, die heute als Meilensteine des österreichischen Mid-Century-Designs gelten. Statt schwerem Gold und starren Formen setzte man auf grazile Messinggestänge und verstellbare Gelenke. Es war die Geburtsstunde des modernen, flexiblen Wohnens. Dieser charmante Funktionalismus der 1940er- und 1950er-Jahre zeigt sich bis heute in den ikonischen Modellnamen: Die legendäre, in der Höhe verstellbare Stehleuchte Dornstab oder die augenzwinkernd benannten Modelle Hase, Pelikan und Kiwi brachten eine organische Leichtigkeit ins Wohnzimmer. Ergänzt durch Klassiker wie die Tischlampe Billy, die Wandleuchte Häckchen oder das eindrucksvolle Modell Helios, überzeugen die Entwürfe dieser Ära durch eine kluge Schlichtheit, die Räumen Luft zum Atmen lässt.

Eisglas: Wenn Licht gefriert

Nach der Phase der vornehmen Zurückhaltung folgte in den 1960er- und 70er-Jahren ein ästhetischer Umbruch, der heute bei Sammler:innen weltweit für Begeisterung sorgt. Kalmar wurde zum Meister des Eisglases. Diese massiven, organisch strukturierten Glaselemente waren die Antwort auf die mutige Architektur des Brutalismus und des internationalen Stils. Jedes Glaselement wirkt wie ein Brocken gefrorenes Wasser, der das Licht bricht und im Raum verteilt. Diese Leuchten machten Kalmar zur Weltmarke für repräsentatives Lichtdesign. Bei der Restaurierung dieser schweren Luster zeigt sich die Wiener Handwerkspräzision, die in jedem einzelnen Bolzen steckt.

Original oder Klumpert? Substanz zählt

Wer einmal eine originale Kalmar-Leuchte hochgehoben hat, weiß, wovon wir reden. Das ist massives Messing und zentimeterdickes Glas – da wackelt nichts, da vergilbt kein Plastik. Wenn das Material über die Jahrzehnte anläuft, bekommt es eine ehrliche Patina; da blättert kein billiger Lack ab wie bei modernem Klumpert. Solche Qualität wird heute kaum noch produziert, und wenn, dann ist sie nahezu unbezahlbar. Genau deshalb ist eine alte Kalmar für uns fast immer eine Mezzie: Man kauft nicht einfach eine Lampe, sondern ein Stück beständiges Wiener Handwerk, das seinen Wert behält.

Kalmar-Originale im 6. Bezirk entdecken

Bei uns in der vintagerie haben wir immer wieder ausgewählte Einzelstücke von Kalmar im Geschäft – von den feinen Messingarbeiten der frühen Jahre bis zu den schweren Eisglas-Objekten der Siebziger. So ein Original schaut man sich am besten live an. Erst wenn du das Glas angreifst und siehst, wie exakt das alte Metall verarbeitet ist, verstehst du die Qualität dahinter. Komm einfach auf einen Sprung in der Nelkengasse vorbei. Wir beraten dich ehrlich, ohne Snobismus, aber mit fundiertem Wissen zum Wiener Design – und helfen dir dabei, genau das Stück zu finden, das in deine Wohnung passt.