Adolf Loos: schön schlicht

Adolf Loos war kein Guter. Aber einer, an dem man im österreichischen Design nicht vorbeikommt. Der 1870 in Brünn geborene Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur und prägte die Wiener Moderne wie kaum ein anderer. Sein Einfluss reicht weit über seine Bauten hinaus: Loos verstand Architektur, Innenräume und Gebrauchsgegenstände als Einheit und stellte Funktion, Proportion, Material und handwerkliche Qualität über dekorativen Zierrat.

Schon 1908 wandte Loos sich in seinem berühmten Essay „Ornament und Verbrechen“ gegen das Dekorative und den Historismus seiner Zeit. Dabei war Loos keineswegs ein Freund karger Räume. Er liebte kostbare Materialien und setzte sie mit großer Präzision ein: Marmor, Holz, Messing, Onyx und Spiegel werden in seinen Interieurs selbst zu Gestaltungselementen.

Die Loos-Bar: 27 Quadratmeter Wiener Moderne

Die Loos Bar in der Wiener Innenstadt ist dafür das bekannteste Beispiel. Der keine 30 Quadratmeter kleine Raum wirkt durch Spiegel, Marmor und Messing wesentlich größer und zugleich luxuriös, ohne überladen zu sein. So, wie Loos die Bar 1908 gestaltete, ist sie bis heute erhalten.

In der Loos Bar kann man nicht übrigens nur schöner trinken, man kann sie jetzt auch besser hören: In der dritten Folge des Podcasts „Lebende Legenden – hören, was bleibt“ erzählt die Chefin Marianne Kohn von ihren mehr als drei Jahrzehnten in der Bar – wobei sie, die man in Wien auch Königin der Nacht nennt, eigentlich Donnerstags und Freitags an einem kleinen Tischchen im Vorraum Hof hält: https://open.spotify.com/episode/4mkm7DDrZIe7GBgaV5gYkB?si=hdW_i77gRQqR9IHgJtaqwA

Loos und das österreichische Mid-Century-Design

Diese Verbindung von Reduktion und Sinnlichkeit macht Loos auch für die Geschichte des österreichischen Mid-Century-Designs interessant. Seine Moderne war nicht die einer kalten, funktionalen Maschine. Sie setzte auf gute Materialien, klare Formen und Gebrauchstauglichkeit. Damit wurde Loos zu einem wichtigen Vorläufer jener österreichischen Designtradition, die nach 1945 mit Möbeln, Lustern und Gebrauchsgegenständen eine eigenständige, reduzierte und zugleich wohnliche Moderne entwickelte.

Der andere Adolf Loos

Und dann ist da der andere Adolf Loos. Seine drei Ehefrauen beschrieben ihn nachträglich als das, was man heute toxisch und narzisstisch nennt. Und er wurde für „Verführung zur Unzucht“ zu vier Monaten „strengem Arrest“ auf Bewährung verurteilt. Er hatte drei minderjährige Mädchen in seiner Wohnung in sexuellen Posen gezeichnet. Die Mädchen gaben an, er habe sie dabei auch berührt – man glaubte ihnen aber nicht.