In den späten Fünfzigerjahren brauchte die Grazer Kunst-Avantgarde dringend Sitzgelegenheiten. Im frisch gegründeten Forum Stadtpark wurde gelesen, diskutiert und gestritten, aber auch ausgestellt und inszeniert. Für Lesungen brauchte man bequeme Sessel, aber sobald der Raum wieder als Galerie dienen sollte, durften die Möbel nicht im Weg stehen. Der Architekt Franz Schuster lieferte 1959 die perfekte, unaufgeregte Antwort: einen Stapelstuhl, der auf alles Überflüssige verzichtet. Gemeinsam mit der oberösterreichischen Möbelfabrik Wiesner-Hager entwickelte er ein robustes Sitzmöbel aus gebogenem Schichtholz und massiver Buche, das dem ständigen Hin und Her im Kulturbetrieb mühelos standhielt und sich optisch trotzdem elegant zurücknahm.
Drei gute Gründe für sieben Löcher
Ein markantes Detail bei bestimmten Ausführungen dieses Sessels ist die Rückenlehne. Während die allermeisten Stücke, die man heute aufstöbert, eine glatte, durchgehende Holzfläche haben, gibt es eine spezielle Variante mit exakt sieben kreisrunden Ausnehmungen, angeordnet im Muster zwei-drei-zwei. Wer glaubt, diese Löcher seien bloß eine grafische Spielerei gewesen, kennt Franz Schuster schlecht. Die Ausnehmungen machen den Sessel erstens leichter, zweitens kann man das Schichtholz genau dort wunderbar greifen. Ganz nebenbei sind diese Perforierungen auch eine Reverenz an Josef Hoffmann, der schon Jahrzehnte zuvor demonstriert hatte, was solche Lochmuster im Holz optisch hermachen.
Schuster vs. Rainer
Diese Inspiration und der kompromisslose Zugang verbinden Schuster mit einem anderen Giganten des österreichischen Designs: Roland Rainer. Bei dessen berühmtem Sessel für die Wiener Stadthalle, die ein Jahr vor dem Forum Stadtpark eröffnet wurde, ist ebenfalls Schichtholz perforiert. Bei Rainer ging es neben dem Gewicht allerdings vor allem um die Akustik, damit der Schall in den riesigen Sälen nicht von leeren Sitzen zurückgeworfen wird. Die beiden Architekten teilten aber vor allem die Überzeugung, dass ein gutes Möbel im echten Leben einfach funktionieren muss.
Ein Stück Architekturgeschichte
Schusters clevere Konstruktion für das Forum Stadtpark wurde ein Verkaufsschlager: In den 1960ern wurden die Sessel zum Standard in Gemeindezentren, Kirchen und Schul-Aulen. Weil sie für den harten Alltag konzipiert waren, finden wir immer wieder gut erhaltene Stücke. Und deshalb können wir diese Mid-Century-Originale immer wieder zu uns in die vintagerie holen. Unsere letzten Zugänge stammen zum Beispiel von den Elisabethinerinnen in Wien-Erdberg und aus einer Musikschule in Eisenstadt.
Auch heute sind die Schuster-Sessel kein Museumsstück zum ehrfürchtigen Anschauen (auch, wenn das Modell selbstverständlich im Wiener Möbelmuseum steht), sondern hervorragende Vintage-Möbel, die weiter benutzt werden wollen – am besten jeden Tag drüben am Esstisch. Wer sich bei uns im 6. Bezirk reinsetzt, merkt nämlich sofort, wie gut die geschwungene Lehne den Rücken stützt. Dieser Sessel ist tatsächlich weitaus bequemer, als man es dem Schichtholz auf den ersten Blick zutrauen würde.
